Eine Sammlung von Einzelanalysen – was sie verbindet: In jeder Einzelstudie über den jeweiligen Autor oder die jeweilige Autorin und das spezifische Werk hinaus wird auch etwas Übergreifendes benannt, um den Eigensinn der österreichischen Literatur herauszuarbeiten. Ihr Apriori: Auch die wohlkanonisierten Autorinnen und Autoren sind stets aufs Neue zu interpretieren, ihre Werke, Widersprüche und Relationen untereinander neu zu bedenken. Entsprechend lässt sich beispielsweise fragen, ob Anton Wildgans nicht lieber doch dem Vergessen anheim gegeben werden sollte. Neu gelesen werden Ödön von Horváth; die archivierte Avantgarde entgegen ihrer tradierten Gestalt oder die »kleine Literatur« Elfriede Gerstls. Mit Beiträgen zu Handkes Theater als Text, zur dichterischen Werkstatt Friederike Mayröckers oder zur Gespensterhaftigkeit im Werk Elfriede Jelineks ist ein repräsentativer Bogen der Relektüre österreichischer Literatur der letzten 90 Jahre gespannt – die sicherlich bekannt, doch längst nicht ausgelesen ist.
Archiv: Events
A list of upcoming events
Klemens Renoldner im StifterHaus in Linz
In den Morgenstunden des 13. März 1938 wird in Linz der Gendarmerie-Major Alois Renoldner verhaftet. Sein Vorgesetzter, Ewald Simmer, hat mehrere Kollegen ins Gefängnis und später ins KZ gebracht. Alle Versuche des Häftlings, sich vor einem Richter verteidigen zu können, scheitern. Eines Nachts wird er ins Konzentrationslager nach Dachau überstellt, letztlich entlassen und zwangspensioniert. Über die Demütigungen und Folterungen im KZ, das Trauma seiner Haftzeit, kann er später nie sprechen. Ewald Simmer ist ein fanatischer Nazi, er wird nach dem Krieg verhaftet. Obwohl die Beweislage erdrückend ist, kann er dank eines geschickten Anwalts und durch konsequentes Leugnen seiner NS-Karriere als unbescholtener Mann in die Gesellschaft zurückkehren. Erzählt wird von einem Opfer, das vor Gericht um ein mildes Urteil für den Täter bittet. Erzählt wird von einem Täter, der sich als Opfer präsentiert, und gegen das Gericht keine Handhabe hat. In der kleinen Rahmenhandlung: Martha, die Tante des Autors, die als 16-jähriges Mädchen einen Brief an Adolf Hitler schreibt, um ihren Vater aus dem KZ zu befreien. Auch dies eine wahre Geschichte.
Lesung mit dem Autor
Moderation: Alexandra Millner
Alexandra Millner, geboren 1968, Literaturwissenschaftlerin und -kritikerin, Dramaturgin. Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Wien, seit 2016 leitende Projektmitarbeiterin des FWF-Projekts „Albert Drach Werke. Studienausgabe 3“. Zudem seit 1999 zahlreiche Rezensionen literarischer und wissenschaftlicher Texte sowie feuilletonistische Beiträge, u. a. für Ö1, die Wiener Zeitung, den Falter, die Presse und Volltext.
»Wien, Schwedenplatz: polyphon« in der Alten Schmiede
Wo sonst in Wien kreuzen sich so viele Wege? Lucas Cejpek und Margret Kreidl haben 106 Autor*innen eingeladen, den Schwedenplatz zu beschreiben: Seite für Seite ein eigener Sprachplatz. Vier Schauspieler*innen haben im Hörspielstudio aus Prosa, Gedichten und Listen zitiert. In der Alten Schmiede wird das Quartett einen Eindruck von der Vielstimmigkeit des Buches vermitteln. Dann machen sich die Herausgeber*innen und Schauspieler*innen mit dem Publikum auf eine Reise rund um den Schwedenplatz.
»Raumzuckungen« in der Buchhandlung Walther König
Jaroslav Rudiš, Bastian Schneider und Markus Köhle bei der Leipziger Buchmesse
Jaroslav Rudiš, Bastian Schneider und Markus Köhle schreiben in ihren aktuellen Büchern auf sehr unterschiedliche Weise übers Zugfahren: Während Rudiš nach Eigendefinition ein Eisenbahnmensch ist, dessen Affinität zum Bahnfahren eng mit seiner Poetik verwoben ist, spielt die Bahn auch in Bastian Schneiders Roman „Das Loch in der Innentasche meines Mantels“ eine tragende Rolle – da die Figur des Romans sich mit dem Zug auf die Suche nach ihrem Autor begibt. Markus Köhle wiederum hat mit „Das Dorf ist wie der Internet, es vergisst nichts“ eine Vermessung der österreichischen Mentalität vorgenommen, die sich aus Gesprächen auf Zugreisen speisen. Steigen Sie ein!
Lucas Cejpek und Daniela Fürst bei der Leipziger Buchmesse
Eine Polyphonie von 106 Autor:innen, in Form von Lyrik und Prosa, jeweils auf eine Seite begrenzt. 106 Stimmen über einen besonderen Wiener Ort, arrangiert von Lucas Cejpek und Margret Kreidl.
Markus Köhle bei der Leipziger Buchmesse
Eine Zugreise durch Österreich
Wer einen realistischen Eindruck vom Zustand Österreichs gewinnen möchte, braucht das Land bloß mit dem Zug zu durchreisen, wie Lukas, auf dem Weg zu seiner Preisverleihung.
Bastian Schneider in der Stadtbücherei Walldorf
Istanbul im Sommer 2017: Ein Jahr nach dem gescheiterten Putschversuch versucht der Schriftsteller Bastian Schneider als Stipendiat, die angespannte Stimmung in der Stadt am Bosporus einzufangen. Schon am Tag seiner Ankunft wird Schneider zum Opfer einer Verwechslung. Der Doppelgänger, der an seiner statt im Hotel eingecheckt hat, wird vor seinen Augen als mutmaßlicher Terrorist verhaftet. Und als Schneider wenig später auf weitere – literarische – Doppelgänger stößt, fühlt er sich zunehmend in seiner Identität verunsichert, da gar nicht klar ist, wo die vermeintlichen Fronten um ihn verlaufen. Selbst die scheinbar zufällige Bekanntschaft mit dem Verleger Orhan hilft ihm nicht, sich im Gewirr der herrschenden politischen Verhältnisse zu orientieren. Wird Schneider selbst als vermeintlicher Spion observiert oder wird er vielmehr gegen den Überwachungsapparat instrumentalisiert? Im Strudel der Erzählungen und Mutmaßungen verheddern sich die Fäden der jeweiligen Erklärungen, bis sich Schneider buchstäblich selbst abhanden kommt.
Der Roman basiert auf »wahren Begebenheiten« und verhandelt die Frage nach der Deutungshoheit über das eigene Leben vor dem Hintergrund einer Gegenwart, in der bereits der Anschein eines »falschen Namens« zum Verhängnis werden kann.
Bastian Schneider war 2015 Literaturstipendiat der Stadt Walldorf und lebt inzwischen in Köln und Wien.
Eintritt: 6 €, Vorverkauf ab 6. April in der Stadtbücherei und in der Buchhandlung Dörner in Walldorf
Mathias Müller in der Maerz Galerie in Linz
Das Überleben überleben. Gerhard Richter im Depot, Wien
Globale Krisen, Kriege und Pandemie führen uns gegenwärtig sowohl die Fragilität des körperlichen Lebens wie auch der sozialen Mitwelt, ihrer Strukturen und kultureller Praktiken vor Augen. Gerhard Richters Essay Das Überleben überleben erkundet davon ausgehend die philosophischen Potenziale der Figur des „Überlebens“. Durch einen historischen Parcours, der von Nietzsche bis aktuell zu Jean-Luc Nancy oder Werner Hamacher reicht, geht Richter den vielfältigen Implikationen nach, die das Überleben – zwischen Fortleben, gesteigertem Leben und auf Künftiges hin leben – haben kann.
Gerhard Richter, Germanist und Komparatist, Brown University, Providence, Rhode Island / USA
Moderation: Matthias Schmidt, Kulturwissenschaftler, Universität Wien