Karl Sierek im Filmmuseum
9. November 2026
18.00 Einführung von Karl Sierek
A Matter of Life and Death
Michael Powell, Emeric Pressburger, UK 1946
Kaum ein bildpolitisches Konzept hat die raumzeitlichen Dimensionen filmischer
Fortbewegung in die Vertikale mehr gesprengt als dieser in den USA als Stairway to
Heaven ausgewertete Film. Er profanisiert die christliche Ikonographie der
Himmelsleiter und macht sie zu einem Werkzeug im Zweiten Weltkrieg. Aus der
Aufstiegshilfe, auf welcher Gott den Menschen über einen Engel das Himmelstor
wies, wird eine Brücke, nämlich die der transatlantischen Waffenbrüderschaft
zwischen dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten gegen die Nazis.
Die gewaltige Rolltreppe zwischen Himmel und Erde trennt aber auch zwei
Farbwelten. Die himmlische zeigt sich als blasse und sterile Jenseitigkeit des
Schwarzweiß-Materials, die irdische erstrahlt in der prallen diesseitsbezogenen
Opulenz des gesättigten Technicolor. – Eine verkehrte Welt? (Karl Sierek)
20.00 Buchpräsentation Wege #5
In den sechs Bänden der Buchreihe Wege. Spuren und Bahnen der Bewegung im Kino treffen Wegebauten und Bewegungsbilder aufeinander. Seit es das Kino gibt, wird das Furchen von Spuren und Legen von Bahnen durch Land- und Stadtschaften in bewegten Bildern präsentiert, reflektiert und differenziert. Eine der ältesten Fertigkeiten des Menschen, nämlich die Herstellung von Wegen vor Ort, stößt damit auf die Vorstellung von Bewegung im Bild. Dabei befruchten sich die beiden Kulturtechniken des Wegebaus und des Filmemachens wechselseitig. Ihre Bahnungen und Spurungen führen zu jenem Reichtum ästhetischer Ausdrucksformen, der uns bis heute in die Kinos lockt.
Der fünfte Band wendet sich der Untersuchung bahnungsabhängiger Zielbestimmtheit zu. Auf das Studium des Wo? und Wie? der Wege folgt das Interesse am Wohin?. Der erste Teil fragt nach schriftlichen Ankündigungen von Zielen wie etwa Wegweiser und Ortstafeln. Der zweite Teil wendet sich vertikalen Wegen zu: Felswände, die das Gehen auf Händen vorführen, Aufzüge und Treppenanlagen, die sich als Determinanten gesellschaftlicher Stratifizierung erweisen. Das dritte Kapitel kehrt in die Horizontale filmischer Weglichkeit zurück. Es erforscht Auswege, Umwege oder Abwege. Um eine der vielfältigen Funktionen filmischer Treppen zu diskutieren, ist ein kurzes Beispiel der Überschreibung der Eisenstein’schen Odessa-Treppe zu sehen: Odessa Crash Test (Notes on Film 09) (2014, Norbert Pfaffenbichler) unterzieht die Kinderwagen-Einstellungen einer präzisen Versuchsanordnung, welche die Kombinatorik der Vertikalitäten auf den Prüfstand stellt. (Karl Sierek)
In Anwesenheit von Karl Sierek und Dieter Bandhauer
Karl Sierek, Wege. Spuren und Bahnen der Bewegung im Kino (Bd. 5), Wien: Sonderzahl 2026