Gerhard Scheit

Im Ameisenstaat: Von Wagners Erlösung zu Badious Ereignis

Ein Essay über Musik, Philosophie und Antisemitismus

Einband Englisch Broschur
160 Seiten ,13,5 x 21,0
April 2017
ISBN 978-3-85449-471-3
Lieferbar

19,90

Der Ameisen-, Termiten- und Bienenstaat werde, schrieb Carl Schmitt einmal, »nur durch völlige Vernichtung der Sexualität dieser Tiere möglich«. Beim Menschen sei das »Problem der Staatwerdung« unendlich schwieriger, »weil dieser seine Sexualität nicht aufgibt und damit seinen ganzen rebellischen Individualismus«. In diesem Sinn ist Bayreuth so etwas wie die Hauptstadt eines erträumten Ameisenstaats unter Menschen und Wagners Parsifal sein Gründungsmythos.

Gerhart Scheit bringt in seinem luziden Essay zwei Wiener Bayreuth-Pilger zusammen: den Philosophen Otto Weininger, der in Geschlecht und Charakter die Vernichtung der Sexualität als Erlösung phantasierte; und den Komponisten Gustav Mahler, der in seinen Symphonien die musikalische Form fand, Wagners Hass auf die Juden in »Wagnerkarikaturen« zu durchbrechen.

Von dieser Perspektive aus legt Scheit Adornos Wagner-Interpretation offen, die Wagners Modernität und Einflusskraft, aber auch seine »Judenkarikaturen« benannte. Als die Bayreuther Festspiele 1951 wieder eröffneten, versuchte Adorno auf das „Neubayreuth“ im Sinne seiner modernen Interpretationen Einfluss nehmen. 60 Jahre später gibt der französische Philosoph Alain Badiou Fünf Lektionen zum ›Fall‹ Wagner, als hätte es weder die Deutung Weiningers noch die Moderne in Mahlers Musik und Adornos Kritik je gegeben. Für Scheit lässt Badiou in dem, was er unter »Ereignis« begreift, den Ameisenstaat wiederauferstehen – nur dass hier Mao die Rolle Parsifals übernimmt.

Stimmen

»Dadurch, dass Scheit immer wieder die Rezeptionen auf Wagner rückbezieht, ohne dass er sich scheut, Musik auf Philosophie (und umgekehrt) zu beziehen und ohne beide in einer Einheit ohne Differenz gleichmachen zu wollen, öffnet sich ein neuer Zugang zu Wagner, aber ebenso kann ein neues Bild von der Rezeption gewonnen werden, was Erkenntnis überhaupt erst zulässt. Hätte man für solche Denkbewegung noch keinen Begriff, man könnte sie glatt Dialektik taufen.«
(David Hellbrück, Versorgerin 115, September 2017)